Wie schon in der Rubrik Schlammbehandlung beschrieben, fällt Schlamm auf einer Kläranlage mit einem hohen Wasseranteil an. Da er entsorgt werden muss und dadurch Kosten entstehen, wird er vorher entwässert um Menge und Gewicht zu reduzieren. Entwässern bedeutet hierbei, man macht aus einem Grundstoff zwei. Zum einen den entwässerten Schlamm und zum anderen das dabei anfallende Schlammwasser oder auch Prozesswasser genannt.

Prozesswasser ist eine Mischung vieler flüssiger Inhaltsstoffe, allem voran Stickstoff in Form von Ammonium-Stickstoff. Kläranlagen sind dazu ausgelegt, Stickstoff abzubauen Somit besteht der logische Schluss darin, dass Prozesswasser einfach dem normalen Kläranlagenzulauf zuzugeben. Durch die hohe Konzentration des Prozesswassers kommt es allerdings zu einer Rückbelastung, die 10-20% der normalen Zulaufbelastung beträgt. Durch das lange Verbandsnetz und das kommunale Netz von Beerfelden von ca. 260 km kommt es zuweilen zu stark schwankenden Zulaufbelastungen, die von der gut ausgelasteten Kläranlage innerhalb der niedrig erklärten Ablaufgrenzwerte teilweise nur schwierig abgebaut werden kann.

Seit dem Jahre 2011 beschäftigt sich der AVMM intensiv mit diesem Problem. Nach dem Auswerten mehrerer Optionen hat sich der Abwasserverband entschlossen, zusammen dem Fachbüro Atemis eine kostengünstige Prozesswasserbehandlung mit dem Deammonifikationsverfahren  in die bestehenden Bauwerke zu integrieren.
Das Verfahren ist noch nicht sehr weit verbreitet, es stellt eine „Abkürzung“ des gängigen Stickstoffabbaus dar.

Ein kurzer Ausflug in die Chemie soll den Ablauf verdeutlichen:

Der normale Weg besteht darin, dass ammoniumhaltiges Wasser (NH4) belüftet wird, Bakterien bauen dabei Ammonium (NH4) zuerst in Nitrit (NO2) und dann Nitrat (NO3) um. Ist dieser Umbau abgeschlossen, folgt eine unbelüftete Phase, bei der andere Bakterien in Verbindung mit Kohlenstoff (C) dem Nitrat (NO3) den Sauerstoff entreißen und der übrigbleibende Luft-Stickstoff (N2) in die Atmosphäre entweicht. Die Deammonifikation verkürzt diesen Weg indem sie mithilfe spezieller Bakterien (Planktomyceten) Ammonium (NH4) nur zur Zwischenstufe Nitrit (NO2) umwandelt und dann mit dem entstandenen Nitrit den verbleibenden Ammonium direkt in Luft-Stickstoff (N2) umsetzt. Eine Zugabe von Kohlenstoff ist hierbei nicht notwendig.
 
Ende des Jahres 2012 wurde die Prozesswasserbehandlungsanlage fertiggestellt und in Betrieb genommen. Von den täglich anfallenden  80m³ Prozesswasser wird rund 80% des enthaltenen Stickstoffs auf diese Weise entfernt und entlastet somit nachhaltig die Kläranlage.